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Bevor Ikea nach Würzburg kommt...oder
„Wie viele Points hat ein schwedisches Frühstück?“


Von Birgit Rentz März 2009 Web: www.birgitrentz.2page.de

Eigentlich wollte ich ja endlich mal wieder ausschlafen. Aber daraus wird heute nichts. Meine Familie hat beschlossen, dass wir alle zusammen zu IKEA fahren. IKEA – das ist schon lange nicht mehr nur Möbel-Gucken. Nein, ein Besuch in diesem weltbekannten schwedischen Möbelhaus hat auch seine kulinarischen Seiten.

Frühstück gibt es dort in den unterschiedlichsten Variationen und in jeder Preisklasse. Nicht zu vergessen die legendären Köttbullar, Hot-Dogs, Torten und vieles mehr. Mhhhhm! Das Tollste daran: Im IKEA-Restaurant gibt es Kaffee satt! Oder Kakao satt. Oder Cola satt. Ach, es gibt einfach alles, was das Herz begehrt.

Es ist der erste Frühlings-Samstag, kurz vor halb zehn. Wir fahren auf den riesengroßen IKEA-Parkplatz. Wir parken in der ersten Reihe, da ist noch alles frei. Wie gut, dass wir so früh unterwegs sind. Ein Blick in Richtung Eingang sagt mir, dass die Türen noch nicht geöffnet sind. Eine riesige Traube Menschen (wo kommen die alle her?) drängelt sich auf engstem Raum in dem weitläufigen Eingangsbereich, jeder einzelne bereit, sofort los zu sprinten, sobald ein IKEA-Mitarbeiter die Eingangstür aufschließen würde. Die Möbelverkäufer bereiten sich auf den Arbeitstag vor. Sie haben noch eine halbe Stunde Zeit und sind erst ab zehn Uhr gefordert, die Kunden beim Möbelkauf zu beraten.

Ganz anders die Mitarbeiter im Restaurant und in der Küche. Sie haben an diesem Morgen schon Höchstleistungen vollbracht und Frühstück für Hunderte von leeren Mägen vorbereitet.

Es ist halb zehn. IKEA öffnet das Restaurant! Ich verfolge das rege Treiben im Eingangsbereich des Möbelkaufhauses und bewundere den Eifer, mit dem einige Männer und Frauen die Treppen hinauf hasten, ihre Kinder hinter sich her ziehend, um dann im Restaurant mit gehetztem Blick nach dem schönsten aller Essplätze Ausschau zu halten. In Windeseile werden Jacken über Stuhllehnen gehängt: „Dieser Platz gehört mir!“, steht auf so mancher Stirn geschrieben. Alle nachfolgenden Restaurantbesucher werden sich hüten, diese markierten Reviere zu besetzen.

Mir kommt es vor wie auf Mallorca, wo die Urlauber in aller Herrgottsfrühe Badetücher über die Liegestühle am Pool werfen, damit ihnen bloß keiner den Lieblingsplatz streitig macht.

Ich bewege mich mit meiner Familie im Mittelfeld der hungrigen Meute und erspähe einen runden Esstisch am Fenster. Ich habe keine Lust, mich in die momentan noch lange Schlange der Wartenden an der Essenausgabe einzureihen und nehme erst einmal in aller Ruhe Platz. Ich spähe auf den Nachbartisch. Dort werden gerade die ersten Tabletts mit knusprigen Brötchen, dampfendem Rührei und anderen Leckereien abgestellt.

Ich frage mich, was ich mir holen werde. Ich bin seit fünf Tagen bei Weight Watchers angemeldet und zähle seitdem Points. Übermorgen werde ich wieder gewogen und eines ist klar: Ich will mit einer Abnahme glänzen. Schließlich habe ich mir 15 Kilo vorgenommen, die bis zum Sommer weg sein sollen. Ich bleibe also heute im Programm. Das ist mein Vorsatz.

Merkwürdig: Wenn man selbst auf seine Ernährung achtet, fallen einem die Ernährungsfehler der Mitmenschen umso mehr auf. Nach und nach füllt sich das Restaurant. An den Nachbartischen wird schon gespeist. Links von mir sitzt eine vierköpfige Familie. Diese braucht einen der Servierwagen mit vier Ebenen, um all ihre voll beladenen Tabletts sicher zum Tisch zu befördern. Nun stapeln sich die Brötchen auf ihrem Tisch. Drumherum tellerweise Wurst, Lachs, Ei, Käse, Nutella, und so weiter. Die beiden Kinder rennen immer wieder zwischen ihrem Tisch und der Getränke-Nachfüllstation hin und her. Es gibt ja Cola satt. Wo hat man das schon?

Ich beschließe, Vorbild zu sein und das kleinste der angebotenen Frühstücke zu wählen. Das würde meinen Points-Rahmen sicher nicht sprengen. Mein Mann und meine Kinder steuern auf unseren Tisch zu. Sie haben ihre Auswahl getroffen und beginnen zu essen. Da sich die Schlange an der Essenausgabe inzwischen aufgelöst hat, kann ich nun in aller Ruhe mein Frühstück zusammenstellen.

Die Auswahl ist riesig. Es gibt fertige Frühstücke: Kleine, große, mit Lachs, ohne Lachs. Es gibt Obstsalat und Joghurt, Croissants, Eier, Würstchen und Speck.

Ich erinnere mich an meinen Vorsatz und nehme das kleine Frühstück: 2 Brötchen, 1 Scheibe Salami, 1 Scheibe Käse, 1 Scheibe Lachs, 1 Päckchen Himbeermarmelade, ein Salatblatt und zwei Butter-Rosetten. Dazu nehme ich mir einen Becher, den ich mir, so oft ich will, voll füllen kann. Ich zahle 1,90 Euro und bin stolz darauf, so sparsam zu sein. Ich erlaube mir einen Milchkaffee. Den gibt es nämlich auch an der Nachfüllstation. Lecker! Ich freue mich auf mein Weight-Watchers-Frühstück!

An unserem Tisch angekommen stelle ich fest, dass es mittlerweile kaum noch freie Plätze im Restaurant gibt. Frühstück bei IKEA – das scheint Kult zu sein! Ich schneide das erste Brötchen auf und will gerade das Messer in die Butter-Rosette tauchen, da muss ich an die Fit-Formeln denken. Ich soll doch das richtige Fett auswählen. Pflanzliches Fett soll es sein wegen des Cholesterinspiegels. Ob ich noch einmal zur Kasse gehe? Da haben sie auch Margarine-Portionen. Ich entscheide mich, bei meinem ausgewählten Sparpaket zu bleiben und statt der zwei nur eine Butter-Rosette zu verspeisen. Damit würde ich einen Point sparen.

Ich zähle im Geiste zusammen, wie viele verführerische Points-Werte sich auf meinem Teller tummeln.

2 Butter-Rosetten 2 Points
2 einfache Brötchen 4 Points
1 Scheibe Käse 2,5 Points (bestimmt ist der vollfett …)
1 Scheibe Salami 1,5 Points (mindestens. Die sieht echt fett aus! Ich werde sie nicht essen!)
1 Scheibe Lachs 1 Point (die ist so hauchdünn, also bestimmt auch pointsarm)
1 Klecks Marmelade frei (tolle Sache!)
1 Tasse Milchkaffee ½ Point (ich habe gesehen: Das war aufgeschäumte Milch, die da drin ist)
1 Tasse Kaffee 0 Points (ein Getränk mit Points-Wert reicht!)
1 Salatblatt 0 Points

Ich erschrecke. Das sind ja 11 ½ Points! Für das kleine Frühstück?

Ich habe auf einmal keinen Appetit mehr. Damit ist mein Points-Kontingent für heute schon zur Hälfte ausgereizt. Und wir sind heute Abend noch bei meiner Freundin zum Geburtstag eingeladen. So ein Mist! Ich frage meinen Mann, ob er sein Salatblatt gegen meine Salamischeibe tauscht. Er freut sich und nimmt den Deal an. Klasse, 1,5 Points gespart! Außerdem wollte ich ja nur eine Butterrosette essen. Nun bleiben also noch 9 Points übrig.

Ich überlege einen Moment und beschließe, dass ich mir das erlauben kann. Ich werde auf der Feier aufpassen, was ich mir auffülle, werde nichts von den Chips, Gummibärchen und den Schokoriegeln essen, die meine Freundin ganz sicher auf den Tisch stellen wird. Außerdem fahre ich. Also gibt es für mich nur Cola Light oder Wasser. Trinken wird für mich nicht zur Points-Falle. Und bis zum Abend werde ich mich mit einer Gemüsepfanne zum Mittag und einem Obstsalat am Nachmittag pointsarm über Wasser halten. Ich finde mich gut und freue mich auf den Bummel durch die Möbelabteilung. Und die Hot Dogs, die es am Ausgang gibt, werden mich heute kalt lassen!

Ich bin die Größte! Ob mein Coach mir am Montag einen Smiley verleihen wird?

© Birgit Rentz, März 2009